Zehn Fragen zu Büchern.

Bei Sätze und Schätze gefunden.

1. Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?
Eine sehr entschärfte Version von Schneewittchen.
Es war ein Bilderbuch mit wenig Text und den habe ich nicht gelesen, sondern konnte ihn auswendig. Das hat das ganze noch intensiver gemacht. Ich kann mich an die Bilder erinnern, als ob das nicht fünfundzwanzig Jahre her wäre.

2. Das Buch, das Deine Jugend begleitete?
Schmerzverliebt von Kristina Dunker.
Obwohl es meine Situation nicht widerspiegelte, obwohl mich keine Liebe gerettet hat und die Umstände ganz andere waren und mein Umgang damit. Es war das, was am nähesten kam.

3. Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?
Niemalsland von Neil Gaiman.
Ich hatte eine Freundin, die mir zum Einschlafen Gruselgeschichten vorlas. Irgendwann lieh sie mir dieses Buch aus und ich verschlang es. Es war das erste Buch, das ich so für mich las und verschlang. Das, in dem ich den ersten literarischen Crush hatte und den ersten Hass auf eine Figur, das erste Mal gescheitert bin an meinen eigenen Gefühlen gegenüber einem komplexen Charakter. Danach war ich süchtig nach Geschichten, die ich noch nicht kannte.

4. Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?
Harry Potter und der Stein der Weisen. Auch wenn ich es gehört habe. Es war ein Geburtstagsgeschenk, noch auf Kassette, damals. Ich habe es einfach jeden Abend gehört, immer wieder.

5. Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?
Jetzt gerade sind das wohl wieder die Känguru-Bücher von Marc-Uwe Kling.
Ich will dazu gar nichts erklärendes schreiben, das Erklären übernimmt die Geschichte ganz gut selbst.

6. Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?
Ulysses von James Joyce.
Ich stelle es mir vor wie Kafkas Prozeß, nur schlimmer. So, dass ich gar nichts mehr verstehe. Wahrscheinlich lese ich es deshalb niemals.

7. Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?
Mir fallen zwei Bücher ein bei dieser Frage, doch einmal ist es eins, das nicht einfach überschätzt wird, sondern das einen Hype erfahren hat, den ich für gefährlich halte. Und einmal ist es eins, das handwerklich sicher _nicht_ überschätzt wird, doch ich fand es ein langweiliges Grauen die ersten zwei Drittel zu lesen und war dann auch noch enttäuscht von einem noch langweiligeren Ende. Beide möchte ich nicht nennen, weil “überschätzt” so verdammt überheblich ist. Aus meiner Warte zumindest.

8. Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?
Das hat weniger mit Zeit als mit Möglichkeit zu tun und ich werde nicht spoilern, nicht mal Titel oder Autorin. Doch es gibt da eine liebe Kollegin und Freundin, auf deren Reihe ich ungeduldig warte. Ich kenne die Geschichte bereits, die Entwicklung, die Charaktere, wahrscheinlich wird mich kaum etwas überraschen. Ich liebe es. Ich bin so verliebt, dass ich beim Erzählen davon wie ein verliebter Teenie grinsen muss. Aber ich warte geduldig. Naja, ungeduldig. Und wohl ein bisschn nervig. Diese Geschichte muss ich unbedingt ganz lesen.

9. Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?
Der dunkle Turm von Stephen King
Nicht nur, weil es ein King ist und Kings Geschichten mir immer schon Schauer über den Rücken gejagt haben, seit meine Freundin sie mir zum Einschlafen vorlas. Am meisten Angst habe ich davor, dass ich am Ende enttäuscht bin, weil es nicht “fertig” ist. Vielleicht muss ich einfach anfangen und dann damit leben, wie auch immer es ist.

10. Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?
Feuchtgebiete von Charlotte Roche.
Es ist so ein anderes, furchtloses Buch. Furchtlos. Das ist es, was ich sein will. Wie ich schreiben will. Um dann Schiss zu kriegen, das irgendjemandem zu zeigen.

Angst ist schwierig.

Nach der letzten Schmerzepisode hatte ich fast vier Wochen Ruhe. Vor Schmerzen zumindest und das ist, was für mich zählt. Nur vorbei war es nicht.

Jedes Mal, wenn ich diesen Text anfange, erstarre ich schon nach einer halben Zeile. Wort für Wort muss ich erkämpfen, dabei habe ich schon so oft erzählt, was passiert ist. Sie kriegen Gänsehaut, wenn ich erzähle. Vielleicht, weil meine Stimme so zittert und weil meine Augen immer feucht werden und ich immer lächle, weil dieser Moment des Erzählens so großartig ist. Erzählen heißt, dass ich schon in einem Nachher bin. In einem _nicht mehr der schlimmste Tag_. Nicht mehr in lebensbedrohlich. Nicht mehr in Angst. Und doch heule ich schon wieder, im ersten Absatz. Dabei war es etwas, was viele haben, nur anscheinend nicht so massiv, so groß, so schlimm, so zeitkritisch. Das erzählen meine Mitpatientinnen bisher so.

Schließlich hatte ich einen ganz simplen Bandscheibenvorfall. Kennt man. Und ich wusste von dem Teil schon. Mein Problem war wohl am ehesten, dass viel zu viele Ärzte (das ist kein generisches Maskulinum) mit der Gesamtsituation überfordert waren. So sehr ich es verhindern möchte, weil es nicht hilft: Dazu habe ich Schuldzuweisungen im Kopf. Einige. An einige. Denn ich war laut, ich war klar in dem, was ich sagte. Aber Schuld hilft nicht. Wichtiger ist: Was ich gemacht habe, war richtig. Ich habe die Alarmglocken geschlagen, so laut, wie ich nur konnte und ich habe alle Menschen, die ich liebe, darum angefleht, mir dabei zu helfen.

Konkret hieß das, an dem Wochenende, an dem ich mein Baby nicht mehr aus eigener Kraft hochheben konnte, weil der Schmerz mich nur noch wimmern ließ, habe ich eine Liste gemacht. Sie war lang. Alle Behörden, die mir helfen konnten, alle Ärzt*innen, die mich behandelten, alle Menschen, die für meine Kinder sorgen konnten, alle meine Daten, alle Diagnosen, einfach alles. Die wichtigsten auf dieser Liste waren übrigens die Sozialarbeiterinnen im Freundeskreis und meine Stiefmutter. Sie bekamen diese Liste auch. Und die Vollmacht, alles mögliche zu tun. Ich weiß nicht genau, wie ich das gemacht habe, wo das Hirn dafür herkam, denn vor allem war ich einer Blase voller Angst. Vermutlich konnte man das hören, als ich anfing zu telefonieren.

Am Tag danach setzte die Lähmung ein. Ich habe Multiple Sklerose. Ich kenne Lähmung. Aber das war anders. Mein größter Fehler war, in diesem Moment nicht sofort den Notarzt zu rufen. Es ist schwer, das hinzuschreiben, denn es ist mein Fehler. Da ist auch bei mir selbst Schuld, wenn ich ganz genau hinsehe. Doch genauso wenig wie bei den Ärzten in dieser Zeit, darf ich auch bei mir keine Schuld suchen. Es war eben so, es ist so passiert.

Ab da bin ich mir mit den Zeitangaben nicht mehr sicher, schlage sie in den Arztbriefen nach, um nicht allzu groben Mist zu erzählen. Sicher ist, dass ich am Donnerstag in der orthopädischen Spezialklinik ankam und dass am Freitag eine Krankenschwester und eine Ärztin mich gerettet haben. Sie haben zwei Dinge getan. Festgestellt, dass meine Schmerzen nicht lapidar sind und dass meine Symptome nichts mit Multipler Sklerose zu tun haben. Es gab nur ein großes Problem: Da waren keine aktuellen Bilder meiner Wirbelsäule. Nach der Schwangerschaft, nach der Entbindung, mit so einem Baby zuhause, kann so etwas schon mal dauern. Doch ohne Bilder wäre der Chirurg quasi blind und ich war lange nicht mehr fähig mich gerade und bewegungslos in ein MRT zu legen.
Meine Retterinnen füllten meinen Körper mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln. In diesen Stunden wurde ich inkontinent und die Feuerwehr kam, um mich mit Blaulicht in die nächste Klinik zu fahren. Da gab es ein CT, in das man mich zitternd, heulend und in Embryonalstellung geschoben hat. Da waren viele Menschen in weißen Kitteln. Sie flüsterten. Ich glaube, ich habe geredet wie ein Wasserfall, habe zwei junge Männer in Uniform vollgelabert und mein Handy umklammert, in Tshirt und Windel und immer noch heulend. Anscheinend ging es auch wieder zurück und ich sprach mit dem Chirurgen, zumindest erinnerte ich mich später an sein Gesicht. Irgendwann an diesem Tag hat man mich notoperiert.

Als ich aufwachte, war es dunkel. Ich konnte mein Bein nicht bewegen, aber ich trug auch keine Windel mehr. Neben mir lagen mein Ehering, mein Handy und ein Zylinder gefüllt mit Gewebe und meinem Namen darauf. Sie hatten es mir auf den Nachttisch gestellt. Konnten selbst kaum fassen, was sie aus mir hatten rausholen müssen. Und der einzige Schmerz, der da war, steckte unter dem riesigen Pflaster auf meinem Rücken. Drei Tage später durfte ich zum ersten Mal wieder allein ins Bad, mit einem Gehbock.

Gehbock

Und jetzt, elf Wochen danach, wovon sechs Wochen Reha waren, ohne Krücken, mit Einschränkungen, aber meistens ohne Schmerzmitteln, bin ich hier. Mit Haushaltshilfe, kann mich nicht ganz alleine um die Kinder kümmern und übe auf Privatgelände Autofahren. Manchmal habe ich Schmerzen, und oft habe ich ziemlich viel Angst. Doch jetzt geht es weiter auf eine Art, auf die ich weitermachen kann.

Schmerzen sind schwierig.

Zugegeben, ich hätte nicht zur Sitzung gehen sollen. Die Schmerzen waren schon vorher da. Manchmal kommen sie einfach, mein Rücken fühlt sich dann an, als wollte er nicht mehr. Es ist irgendwas, eine Mischung von allem. Dem schwierigen Körper, den multiplen Fehlern, der schwierigen Zeit. Die Schmerzen wurden stärker. So stark, dass ich fiel. Richtig hinfiel. Dass ich heulte. Dass ich liegenblieb. Und diesmal gingen sie einfach nicht mehr weg.
Das war neu. Schmerzen, die blieben, trotz Medikation, trotz Entspannungsübungen, richtiger Lage, Ruhe und jemandem, der mir alle Arbeit abnahm und alles von mir fernhielt.
Ich habe zwei Kinder zur Welt gebracht. Aber solche Schmerzen hatte ich noch nie. Meine persönliche Skala verschob sich weit nach oben.

Die Krämpfe kamen wieder und wieder. Bevor ich mich zum Arzt fahren lassen konnte, musste ich mir die Zähne putzen, dachte ich. Mein Vater quetschte die Paste auf die Zahnbürste. Zog mir die Socken an und die Schuhe. Ich kam nicht alleine hoch, nicht alleine weiter, nicht ins Auto und nicht wieder raus – aber wer für Wehen keinen Krankenwagen braucht, die braucht sie dafür auch nicht, oder? Ich weiß nicht mehr genau, wie ich es zum Arzt schaffte.
Er zog die Brauen hoch und kniff die Lippen zusammen. Schickte mich in die Klinik und die mich mit Opiaten nach Hause. Es versuchen. Ich kannte das schon. Wenn die Notaufnahme dich nach Hause schickt, ist es oft noch nicht schlimm genug. Man darf ja wiederkommen. Jederzeit. Wenn es nicht mehr geht.

An diesen Abend hatte ich solche Angst vor den Schmerzen, dass eine Freundin mir Ronja Räubertochter vorlas, bis ich einschlief. Ich schlief zwei Stunden, bis die Schmerzen wiederkamen. Den Morgen danach fuhren wir wieder in die Klinik. Eine Klinik, die auf solche Schmerzen spezialisiert ist. Auf dem Weg habe ich die ganze Zeit nur geweint. Der Chefarzt hatte exakt denselben Gesichtausdruck wie sein Kollege vor ihm. Kritisch. Zweifelnd. Er nannte meinen Zustand erbärmlich.

Erbärmlich.

Schmerz1

Es war keine drei Monate her, dass ich mein zweites Kind bekommen hatte. Ich hatte mit irgendetwas gerechnet. Als MS-Patientin musste ich das, auf mich achten, auch um der Familie Willen. Nur mit diesem Schmerz kam ich nicht klar.
Die Klinik behielt mich eine Woche lang dort. Es war anders als sonst. Es war ja nicht so, dass jemand eine chronische Krankheit diagnostizieren wollte. Multiple Sklerose habe ich schon. Multiple Bandscheibenvorfälle auch. Den abgefahrenen Muskeltonus habe ich und alles, was damit zusammenhängt. Die Schäden sind da, ich komme eigentlich zurecht.
Aber das war neu. Das war krass. Obwohl ich Schmerzen kenne, das war anders. Ich wollte nicht mit der Vorstellung leben, diese Schmerzen würden bleiben.

Neurologischen Patienten stellt man in der Orthopädie bescheuerte Fragen. Vor allem bei einem Bandscheibenvorfall wie meinem, bei dem erstmal die Chefs gerufen werden, weil Wieso steht die noch? Aber das kenne ich auch. Dass ich diejenige bin, die immer noch steht, obwohl sie das schon lange nicht mehr kann. Besonders gut stand ich nicht mehr.
Ja, es kribbelt, ja, es ist taub, ja, manchmal bin ich schwach. Das hat aber alles nichts zu sagen. Kein Grund, mich direkt aufzuschneiden. Deswegen wurde ich keine OP-Patientin. Ich wurde Schmerzpatientin. Seltsames Gefühl.

Schmerzen unter der Beteiligung von Bandscheibenproblemen werden auf viele Arten behandelt. Physiotherapie, Medizinische Trainingstherapie, Bewegungstraining, Bewegungsbäder, Massagen, Elektrotherapie, Entspannungstherapie, Wirbelsäulengymnastik. Und Spritzen. Cortison und Betäubungsmittel werden direkt in den Peridualraum injiziert. Das ist nicht ganz ungefährlich und je nach Stelle und Empfindlichkeit ziemlich schmerzhaft. Bei einer der Schwestern habe ich mich entschuldigt. Ihre Hand wirkte so zerquetscht. Den Rest habe ich schweigend – und manchmal weinend – ertragen. Insgesamt fünf Injektionen bekam ich in sechs Tagen. Und so viel Therapie wie in einer Reha. Es tat gut. Es gab dort nette Menschen, interessante Menschen, tolles Personal und den ganzen Tag vermisste ich mein Baby. Mit Mann und Kind konnte ich telefonieren. Doch mein Neugeborenes nicht anfassen zu können, das hat mich fertig gemacht. Ich zerging vor Sehnsucht nach meiner Familie.

Schmerzen sind schwierig. Unter Therapie muss man lange nüchtern bleiben und darf viele Stunden nicht aufstehen. Auf einer Station mit dreißig Personen, von denen die Hälfte so behandelt wird und für die genau eine einzige Krankenpflegerin zuständig ist… das System macht es noch schwieriger. Ich habe einen unermeßlichen Respekt vor dem Personal dort.

Nach einer Woche konnte ich gerade stehen, hatte wenig Schmerzen, wenig genug zumindest, um klarzukommen, um entlassen zu werden, für Aufbautraining und Alltag. Für beinahe einen Monat.
Von der Episode, die darauf folgte, den Schmerzen, die noch schlimmer waren, dem Notfall, der Operation in der Nacht und allem anderen, schreibe ich beim nächsten Mal.

Es muss immer noch sacken.

Es bleiben vierzehn Stunden.

Wenn du mit einem Kind zusammenlebst und es Vollzeit professionell betreut wird, bleiben vierzehn Stunden jeden Tag, die du die Carearbeit leisten musst. Nur die für das Kind. Für nur eins. Jeden Tag. Dazu kommen mehr Tage, an denen die Betreuungseinrichtungen geschlossen sind, als Menschen mit normalen Lohnjobs Urlaubstage haben. Dazu kommen auch die Krankheitstage des Kindes – also im Durchschnitt einige Tage alle zwei Wochen in den ersten drei Jahren.
Selbst professionell betreut ist man als Mensch mit Kind oft 24/7 erreichbar. Falls was ist. Und hat nachts Bereitschaft. Immer.

In der professionellen Betreuung lernt das Kind den Umgang mit vielen Kindern mit unterschiedlichen Hintergründen. Das geht nirgends so gut wie dort, weder zu Hause, noch im dörflichen Verbund. Es lernt in einem begrenzten, sicheren Rahmen, ohne die Eltern zu sein. Es gewinnt an Bezugspersonen außerhalb der Familie. Das sind wichtige Vorbereitungen auf unsere Schulen. Und alles andere, was ohne Familienverbund passiert. Das Leben halt.

Mit Vollzeitbetreuung besteht für viele Familien die Chance auf eine gute und intensive Familienzeit um diese Betreuungszeiten drumherum. Für Paare Paarzeit, zumindest mal ein Tag im Jahr. Wenige Stunden ein bisschen Selfcare – aber auch da immer das Handy in Hörweite, denn die Betreuung wird anrufen, wenn es über ein Pflaster hinausgehen muss.

Betreuung heißt meist Einbeziehung der Erziehungsberechtigten. Elternabende, Ausflüge, Erziehungsgespräche, regelmäßig. Professionelle Betreuung ist fast nie mit „abgeben“ getan.

Ein Kind zu erziehen, im selben Haus wie man selbst lebt, das sind drei Vollzeitjobs. Nur das Kind. Das eine. Dazu kommt ein Haushalt – meistens hängt beides zusammen an derselben Person, meistens immer noch der Frau. Im schwierigsten Fall einer alleinerziehenden Frau. Dazu kommt dann ggf. noch ein Job. Ob der dann Vollzeit ist, ist für diese Rechnung da kaum mehr wichtig, denn über 24 Stunden am Tag sind wir ja längst hinaus.

Wenn man diese Erfahrung nicht hat, kann man fragen. Und, wenn man eine oder mehrere relevante Erfahrungen hat, kann man davon ausgehen, dass es noch mehr gibt.

Natürlich können Eltern ihrem Kind eine erfüllte Zeit bieten, ohne professionelle Betreuung. Ich halte das für sehr viel aufwändiger, aber jedes Lebensmodell kann gleichwertig nebeneinander stehen. Soweit sollten wir sein. Wir wissen, andere Kinder sind wichtig, mehrere Bezugspersonen sind wichtig. Wie, in welchem Umfang, in welchem Rahmen – das bleibt den Eltern. Deswegen „Erziehungsberechtigte“. Niemand davon ist ein schlechtes Elternteil.
Liebt eure Kinder. Sagt ihnen das. Und findet gemeinsam mit allen in eurer (selbstgewählten) Familie heraus, wie das für euch am besten funktioniert.

(Ja, mir ist bewusst, dass ich hier in erster Linie eine Bresche für professionelle Vollzeitbetreuung schlage. Nehmt es als persönliche Färbung.)

42 gute Dinge in 2017.

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1. Das Beste: Ich habe noch ein Kind bekommen. Es sind jetzt zwei. Sie sind beide wundervoll.

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2. Kind1 beim Leben zusehen ist der Wahnsinn.

3. Wir sind in unser eigenes Haus gezogen. Nachdem zwei von drei Wohnungen geschimmelt haben, ist das was echt tolles. Wir dürfen es zumindest selbst retten. Müssen wir auch. Es ist alt.

4. Die Familie wurde gut von der neuen Nachbarschaft aufgenommen. Wir haben uns Mühe gegeben, Kontakte zu knüpfen und dabei offene, nette Menschen kennengelernt.

5. Obwohl die Stadtteilbibliothek Frankfurt-Gallus durch nichts zu ersetzen ist, sind wir fast jede Woche des Jahres in der Gemeindebücherei gewesen und haben die ziemlich gute Auswahl, vor allem an Kinderbüchern, genossen.

6. Ich habe in einer sehr schwierigen Situation mit sehr viel Gegenwind die Zustände in einer Institution bekämpft und obwohl nicht das beste Ergebnis dabei herauskam, bin ich durchaus zufrieden, was ich damit erreicht habe.

7. Die Kurzgeschichte „Paul“ über meine Großmutter und ihren Rollator war unter den Gewinnern eines Wettbewerbs.

8. Ich konnte auf der Lesereise zweimal dabei sein. Beide Male hat jemand im Publikum geweint. Und ich auch.

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9. Die Autorenparty bei @kathreenclaires – dass ich dort die leider abwesende @42crimsonclover vertreten durfte, geslammt habe, die Cocktails, die weißen Tshirts, die Gastfreundschaft und die kotzende Katze. (Ich lache immer noch.)

10. Die Klassenfahrt. Alles daran. Ihr wisst, wenn ihr mitgemeint seid. Ihr Herzmenschen, ihr <3

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11. Der Abend mit den #Chatadias auf der #LBM17 – ich habe das Kartenspiel so krass gehasst, aber ihr seid so genial, da war das wurscht. Ich denke an das Kirschbier, an das Souvenir vom Klo, das ewig gleiche Essen, die Schwesternähnlichkeit und den nervenden Dauerwitz.

12. Die Abende mit @insideX. Alle.

13. Ich konnte meiner todkranken Großmutter ihren dritten Urenkel vorstellen.

14. Die Nähe zu dieser Großmutter. Wie wir über Dinge sprechen. Dass sie versteht, was für mich wichtig ist und – anscheinend – auch umgekehrt. Diese Nähe das ganze Jahr, obwohl alles schlimmer wurde, war wunderbar.

15. Die immer enger werdenden Freundschaften in dieser wahnwitzigen Gruppe der #Chatadias – ihr seid mir unheimlich wichtig geworden. Ich schätze eure Gemeinschaft, eure Unterschiede, euren Humor, eure Kritik, das Vertrauen und (hihi) eure Leidenschaft.

16. Der Besuch meiner beiden Herzmädchen aus der Marburgzeit. Wir sehen uns manches Jahr auch mal gar nicht. Dieses Jahr habe ich beide gesehen, einmal beide gleichzeitig. Ich liebe sie sehr.

17. Eine neue Freundschaft, die Ende des letzten Jahres mit der ersten Begegnung begonnen hat und die wir dieses Jahr festigen konnten. Wir sehen uns nicht oft, sind uns aber jedes Mal sehr nah und vertraut.

18. Die @Schreibnacht – dieses Jahr bin ich Teammitglied geworden. Trotz der Ankündigung, dass ich direkt mal ausfalle. Sie sind sehr unterstützend, das Team arbeitet großartig und die Community ist nach wie vor Schreibliebe ohne Ende.

19. Auf der #LBM17 habe ich mit @blauschrift gesprochen. Das war extrem cool, sie ist extrem cool.

20. Meine Kurzgeschichte „Richtig“ wurde in den BuchBerlin Geschichten veröffentlicht.

21. Beide Menschen, die wir gebeten haben, Paten für Kind2 zu werden, haben sofort Ja gesagt. Und sie sind großartig, selbstverständlich.

22. Ich liebe es, wie Kind1 und seine Paten zusammen sind.

23. Dieser Haufen Freund*innen, der kam, um uns bei Umzug, Haus und Kindern zu helfen. Ganz ohne irgendwas. Denn von meiner Seite kam dieses Jahr nicht viel. Umso mehr weiß ich eure Selbstlosigkeit zu schätzen

24. Dieses Jahr haben meine Freundin Rosa und ich uns gleich mehrmals gegenseitig besucht. Ich mag das sehrsehr.

25. Zimt. Ja, Zimt. Ich liebe Zimt. Diese Geschichte ist jedes der verdammten über 300.000 Wörter wert. Tali – nicht zu fassen, dass wir so viel geschrieben haben.

26. Ich hatte dieses Jahr keinen Schub. (Ja, ich war halt die meiste Zeit schwanger, aber ich freue mich trotzdem. Keine neuen sensomotorischen Ausfälle, keine Lähmungen, keine schlimmere Fatigue.)

27. Meine Hebamme. Sie war (und ist noch) eine große Bereicherung, Unterstützung und hat Humor. Bevor ich sie kannte, wusste ich gar nicht, wie sehr ich sie brauche.

28. Dass ich die Schmerzen ausgehalten habe. Das war nicht schön, aber macht mich stolz. Ist halt gut zu wissen, dass sowas vorbeigehen kann. Wie weit ich kommen kann, trotzdem.

29. Die Unterstützung der Wahlfamilie in Erziehungsfragen. Ihre Ansichten, Erfahrungen und das ständig offene Ohr. Ihr seid mir eine so wahnsinnig gute Hilfe.
30. Die Eltern-Timeline. Über den schlimmsten Scheiß mit Leuten reden, denen man vertraut. Und die auch Kinder haben. Die fühlen können, worüber gesprochen wird.

31. Der sichere Kanal. Gerade über die Schwangerschaft und über die Schmerzzeit habe ich mich aus öffentlichen Kanälen deutlich zurückgezogen und stattdessen in der Safeline erzählt, was abgeht. Das haben die Menschen da ausgehalten. Da konnte ich viel Frust und Angst abladen, mich aufgehoben fühlen und musste den Mist nicht in die ganz große Welt posaunen.

32. Ich habe ein Bullet Journal angefangen. (Und ihr seid schuld! Ja, ihr!) Seit fast zwanzig Jahren habe ich handschriftliche Kalender. Nun mache ich das ganze in schön und persönlich und finde das bislang ziemlich toll.

33. Sowieso: Dinge schön machen. So wie “nicht schön, aber selten”. Das Umfeld gestalten. So wie damals, als ich schonmal dachte, ich wäre angekommen und anfing, mich einzurichten.

34. All die Tage im Freilichtmuseum. Ich habe viel gekeucht auf den langen Wegen, aber ich mag es dort eben. Das Brot da, die Schmiede, das Wasserrad, die Gärten.

35. Zwei Wochen am Stock. Im Juni ging morgens mein erster Griff zum Gehstock. Er hielt mich aufrecht. Und ich kam mit den Blicken klar, die einem halt zufliegen, wenn man eine junge Frau am Stock ist.

36. Ich habe spontan Hilfe von fast Fremden bekommen.

37. Ich konnte spontan Hilfe von fast Fremden annehmen.

38. Obwohl ich auf Hilfe angewiesen war, habe ich Kritik und meinen Standpunkt gegenüber den Helfenden nicht runtergeschluckt und eine leichte Übergriffigkeit angesprochen und abgewiesen.

39. Ich habe ein Buch gelesen, das jahrelang im Regal stand und es war grandios. “Das Labyrinth der Wörter” von Marie-Sabine Roger. Reine Poesie.

kiareadinglabyrinth

40. PRAG haben ein neues Album rausgebracht. Kind1 und ich haben es zusammengehört. “Es wird anders sein” erinnert mich an eine meiner besten Freundinnen <3

41. Ich habe den Sommer über viel auf dem Balkon gesessen und die Aussicht genossen. Und mit Kind1 Eis gegessen.

aussichtfenke

42. Wir sind Annenmaykantereit grölend Auto gefahren. Häufig.

Je mehr Jahreszahl, desto abstrakter.

Ich glaube – zumindest ist es nur eine sehr vage Erinnerung -, diese Jahresrückblicke, egal, wie detailliert, wie konkret, habe ich vor über anderthalb Jahrzehnten angefangen. Aber irgendwie fing da alles an, als ich dreizehn war. Das Rauchen, das Dagegensein, das Wegwollen, das Sinnsuchen, die Parties. Das Leben, so insgesamt. Nächstes Jahr werde ich dreißig. Das hätte ich nie gedacht. Dreißig werden. Nicht, weil das alt wäre, das ist es nicht. Nur, mit dreizehn habe ich auf eine Art gelebt, von der ich nicht dachte, dass man damit dreißig werden kann. Ich dachte, vorher stirbt man. Und der Gedanke war gar nicht so schlecht, damals. Es war es wert, dachte ich.
Diese Zahl ist ganz hübsch. Dreißig. Ich habe meine sterbende Großmutter daran erinnert, dass ich noch keine dreißig bin und sie war ganz aus dem Häuschen. Mir bleibt so viel Zeit, da wartet noch so viel Glück, so viel Leben. Das war Heiligabend, als ich mit ihrem dritten Urenkel vorbeiging, nur Frohe Weihnachten sagen und eine Weile ihre Hand halten. Da war Zeit eine völlig andere Kategorie.
Nun, ich bin noch neunundzwanzig. Und ich will mal kurz das letzte Jahr zurückholen und erst danach ans nächste denken. Auch, um es durch zu haben. Denn es war hart. Ein bisschen geplant hart, und offensichtlich ja durchgehalten. Doch hart bleibt hart.

Ich hatte das ganze Jahr über Schmerzen.

Das setze ich in eine eigene Zeile, allein, ohne Relativierung, ohne die Konsequenzen, so offen und ehrlich, wie ich eben kann. Ich hatte Schmerzen. Ich habe sie immer noch. Sie werden manchmal besser, dann wieder schlimmer, und wieder zurück. Manchmal half etwas, manchmal nicht. Multiple Sklerose, multiple Ursachen, multiple Fehler, die ich gemacht habe und Menschen in meinem Umfeld, ob professionell oder Laien. Und:

Ich war schwanger.

Auch das darf für sich allein stehen. Denn obwohl die Schmerzen schlimmer wurden, weil Behandlung mit Fötus schwierig ist, hing das nicht primär zusammen. Ich war schwanger. Fast das ganze Jahr über. Ich habe mein zweites Kind bekommen. Wahnsinn. Mittlerweile sehen meine Lebensumstände von außen vermutlich ziemlich spießig aus, fühlen sich aber immer noch nicht so an. Keine Ahnung, ob ich mir damit etwas vormache, und ob das überhaupt relevant ist. Jedenfalls sind wir jetzt zu viert in diesem Haus, an diesem Ort, an dem wir uns fürs Erste niedergelassen haben. Schon im Glück angekommen, noch längst nicht im Alltag und so ist es schön, die Phase mag ich. Mehr mag ich dazu wohl gar nicht erzählen. Über die Kinder und die Familie schreiben ist naheliegend, und wichtig, wo unser Privates doch so politisch ist, doch sie sind eigene Menschen und ich spreche schon genug über sie, ohne vorher zu fragen, ob das in Ordnung ist.

Viel eher sollte ich erzählen, dass ich immer noch schreibe. Was das angeht, war es ein absurdes Jahr. Viel unsichtbare Arbeit. Richtig unsichtbar. Um Figuren und Welten zu entwickeln, habe ich eine Art Rollenspiel mit einer Kollegin, einer Freundin, angefangen. Wie das nunmal mit Text und Liebe so ist, es artete aus. Wir stehen beim vierten Buch. Ja, genau. Zusammen haben wir dreieinhalb Bücher geschrieben, in einem Jahr. Neben dem, was man sonst so schreibt und lebt. Dabei hat sich für meine Geschichte “Grenzen” so viel verändert, ich habe so viel über mich und meinen Stil und die Absicht des Textes gelernt, dass ich ihn noch einmal von vorn schreiben werde.

Worte sind immer noch Liebe. Werden jedesmal noch mehr Liebe. Irgendwie nebenbei, obwohl ich wegen Schmerzen und fortgeschrittener Schwangerschaft gar nicht mehr arbeiten wollte, habe ich einen Stapel Kurzgeschichten geschrieben, wurde veröffentlicht, habe vorgelesen. Es war kein lautes, aber ein gutes Jahr, mit Prioritäten, neuen Ideen und viel Ehrlichkeit.

Ich bin – wirklich sehr – gespannt darauf, wie das nächste wird, mit dem, was dieses Jahr dazu kam. Dem unbedingten Willen, so in etwa weiterzumachen. Und zu hoffen, dafür zu arbeiten, dass es irgendwie funktioniert.

Zu Hause.

Wie ist das, nach fast zehn Jahren in die Heimat zurückzukehren und sich einzurichten, als würde man nie wieder gehen? Ich teste das gerade. Falls es jemand wissen will.

1. Mehr Angst.
Die Heimat habe ich als fast-noch-Teenager verlassen. Das war aufregend, aber nicht beängstigend. Ich habe das Kaff gehasst, die Enge und dass Menschen meinten, Dinge über mich zu wissen, nur weil sie mir seit Jahren vor die Stirn sahen – nie hinein, nur davor.
Weggehen war also einfach. Zurückkommen ganz und gar nicht. Dabei liebe ich die Farben hier, liebte sie immer, wie das Gold zerfällt und zu Weiß wird, dann zu Grau und wieder grünblau leuchtet. Ich mochte immer, dass man eher fröhlich als traurig ist, wenn man die Wahl hat, mochte die Sprache und die nahe Stadt.
Doch Zurückkommen ist mehr als Nostalgie. Nostalgie enttäuscht, wenn sie mehr ist als ein Sammelalbum, ein paar Fotografien. Zurückkommen bedeutete für mich die Auseinandersetzung mit dem Menschen, aus dem ich erst der werden konnte, der ich heute bin. Noch einmal ganz genau das verletzte, wütende, schreiende Mädchen zu betrachten, aus dem die Frau wurde, die damit umgehen kann, wie es damals war. Hoffentlich.

2. Mehr Wahrheit.
Weil ich lange bleiben will, lohnt sich kein Spiel. Nicht einmal unbewusste Anpassung würde funktionieren. Zehn, zwanzig Jahre bleiben wollen, das hatte ich bewusst und freiwillig bisher nur einmal – auch wenn das nicht geklappt hat, es war so geplant – und auch da galt: Echt oder gar nicht. Wenn mir unangenehm ist, wer ich bin, sollte ich mich ändern statt das nur vorzugeben. Das kostet Kraft. Das Sein an sich wird damit schwieriger. Und echter. So vermeide ich ganz automatisch, zu der Kopie zu werden, vor der ich damals geflohen bin. Dieser Automatismus gefällt mir außerordentlich gut. Durch ihn wird alles echter, auch meine Angst. Ich muss mich für sie nicht schämen, muss sie nicht zurückweisen, sondern kann mit ihr leben, mit den Reaktionen auf sie und ganz bewusst Schritte gehen, die mich niemals ganz über sie hinweg führen. Hoffentlich.

3. Mehr Zukunft.
Der Alltag in diesem Dorf, in dem ich so wenige Menschen kenne, wo ein neuer Weg tiefe Fußspuren hinterlässt – meine Spuren sind erstaunlich klein -, der ist sehr viel langsamer. Zu Beginn des zweiten Winters hier fühlt sich das endlich wie das an, weswegen ich hierher gekommen bin. Unter anderem. Die Ruhe schafft Raum für Pläne. Für die zwanzig Jahre, die es werden müssen, wenn die Kinder ihre Schulzeit hier zu Ende bringen dürfen. Sie schafft Zeit für Entscheidungen, so viel, dass ich manchmal vergesse, ein paar zu treffen und es kaum schlimm ist. Obwohl ich das konkrete Engagement vermisse, die sichtbaren Veränderungen in relativ kurzer Zeit, tut das Langsame gut, in dem sich Menschen, Geschichten und die Ideen, wie es besser wird, entwickeln können. Ich brauche mehr Nächte, die ich über Gedanken schlafen kann, mehr Nächte für die Kinder und mehr Pausen dazwischen. So kann aus dem Jetzt ein Dann und wieder ein Jetzt werden, über das ich mich weiter freue. Das gut ist. Hoffentlich.

#lovewriting Woche 4 – Rund ums Schreiben

LoveWritingChallengeWoche4

#lovewritingchallenge
von Katie Kling.

Nach noch einer Pause packe ich dann mal den vierten und letzten Teil der Challenge hier hin. Das kann ich ja, sicher, ob es nun Challenge heißt oder nicht.

1. Weltenbau

Wenn man erstmal die längste Zeit seiner Online-Kommunikation mit Kolleginnen zelebriert (ja, zelebriert, ich liebe euch, verdammte scheiße), dann wird solcher Kram irgendwie geplanter. Kontrollierter. Es lässt sich kaum verhindern, besser zu werden, mit der geballten Erfahrung dieser Gruppe. Trotzdem ergibt sich der Großteil meines Weltenbaus immer noch währenddessen. Während ich die Geschichte schreibe. Deswegen hat Grenzen ein paar Mal das Genre gewechselt. Weltenbau ist cool und äußerst wichtig, keine Frage. Aber bei mir ergibt er sich meist nebenbei. Und erst dann denke ich auch darüber nach, ob er überhaupt logisch ist.

2. Pantser vs. Plotter

Beides. Und alles andere, was es da noch so gibt.
Je mehr ich schreibe, desto besser verstehe ich, dass es jedesmal anders ist. Und nie wie vorher. Ja, ein paar Geschichten sind aus Dialogen entstanden. Eine andere aus einer stummen Szene, dann eine aus einer groben Idee, einige aus dem Anfang, manche aus dem Ende und manchmal vermischt sich der ganze Brei und wird zu einem großen Ding.
Es gibt Wochen – vor allem, wenn es mir körperlich nicht gut ging -, in denen ich mich hingesetzt und ganze Epen durchplotte. Es gibt auch Momente, in denen ich kleine Ideen irgendwo hinkritzel, ein Kürzel dran und hoffe, mich beizeiten zu erinnern, was ich damit meine.
Es ist immer anders. Aber ganz verschwunden ist bisher noch nichts.

3. Selfpublishing vs. Verlag

Das mit dem Selfpublishing habe ich schon hinter mir. Nicht im Sinne von Ich bin schon weiter, nur das kenne ich, das andere noch nicht. Jedenfalls weiß ich so aus Erfahrung, dass es viele Vorteile hat, etwas selbst zu tun, alleinige Herrin über das Buch zu sein. Ich habe entschieden, wie das Cover aussieht, wer das lektoriert und druckt und vertreibt, wo ich mir helfen lasse, wo nicht und wie die Rechtverhältnisse aussehen.
Aber wenn du alles selbst machen musst, musst du halt alles selbst machen.
Momentan stehe ich bei einer Agentur unter Vertrag. Diese Agentur übernimmt die erste Kritik an einer neuen Geschichte, nimmt das Exposé auseinander und befasst sich auch mit dem großen Ganzen, dass ich als Autorin mit verschiedenen Ideen gern darstellen würde. Meine Agentin sucht Verlage, verhandelt über Konditionen. Und wenn es klappt, dann macht ein Verlag den Rest. Am Ende braucht es immer noch meine Unterschrift, um veröffentlicht zu werden. Genau genommen behalte ich also mein Recht und gewinne eine ganze Menge Know-how dazu. Zumindest ist das meine Hoffnung. Inklusive der Hoffnung, dass es zu solch einem Vertrag kommt.

4. Plot-getrieben vs. Charakter-getrieben

Geschichte wird von Menschen gemacht. Auch, bevor sie gemacht wird. Und währenddessen. Und wenn sie längst gelaufen ist. Die Entscheidung von einem einzelnen Charakter kann alles verändern. Ich als diejenige, die den Kram aufschreibt, als käme er nicht aus ihrem eigenen Kopf, sehe da einfach zu und füge mich, wenn sich etwas absurdes ergibt.

5. Kuriose Recherche

Ach, man recherchiert halt alles, von dem man keine Ahnung hat. Von möglichen anzubauenden Nahrungsmitteln nach der Apokalypse, über die richtige Bezeichnung der Einzelteile von Pistolen, bis hin zum richtigen Chemiecocktail und dem richtigen Platz dafür, um ein ziemlich großes Gebäude in die Luft zu sprengen. Schön finde ich es immer, mir altes Wissen neu ins Gedächtnis zu rufen, um es zu verbasteln. Oder ein altes Straßengefühl mit der korrekten Karte zusammenzubringen.

6. Deine erste Geschichte

Die erste eigene? Nach der langen Fanfiction-Zeit? Das ist eine Kurzgeschichte über zwei Teenies, die so vor sich hin sind. Damals war das meinem eigenen Leben sehr nah. Mittlerweile habe ich sie so stark verändert, dass das die Geschichte noch realer und meine eigene Erinnerung noch verklärter macht.

7. Deine Geschichte in 5 Worten

Angst – Glaube – Freunde – Wandel – Mut

#lovewriting Woche 3 – Themen

LoveWritingChallengeWoche3

#lovewritingchallenge
von Katie Kling.

Dieses Mal zeige ich euch, wie einige Themen sich in meinen Geschichten wiederfinden. In erster Linie natürlich in Grenzen, aber auch in ein paar anderen.

1. Liebe
Die Liebe, romantisch, ist bei mir eigentlich nie Thema an vorderster Front. Sie schwingt nur immer mit, bleibt einfach nicht aus, obwohl ich es manchmal gern hätte. Meine Charaktere haben das vielleicht von mir. Sie verlieben sich ständig. Womöglich gehört es einfach dazu. Mehr nicht.
Nebenbei fällt mir auf, dass die Liebe in meinen Geschichten ähnlich oft glücklich wie auch unglücklich verläuft. Das eine Mal hält sie eine Figur aufrecht, gibt ihr etwas Schönes, und beim nächsten Mal ist der Bruch von Nähe und Vertrauen ein weiterer Tropfen, der das Alleszerstörungsfass zum Überlaufen bringt. Wie in echt eben.

2. Freundschaft
Bei meinen Freundschaften habe ich bisher zwei große Unterschiede festgestellt. Es gibt die Mentorenschaft, aus der sich im Laufe der Zeit, wenn der jüngere oder unerfahrenere Charakter genug gewachsen ist, so etwas wie eine Freundschaft bildet. Und dann sind da die, dere Beziehung von Anfang an auf Augenhöhe ist – oft unter Gleichaltrigen. So sind Arthur und Rafa beide Samanthas engste Freunde. Aber auf völlig unterschiedliche Weisen. Genauso wie Marian und Luanesh zu Noraii gehören – einer als väterlicher Freund, eine eher als Schwester.

3. Familie
Damit sind wir schon bei der Familie. Ich mag Wahlfamilien. Ich liebe, wie sich Bande herausbilden, die so stark sind wie Blut. Oder stärker. Denn die Verwandtschaften in Grenzen sind schwierig. Selbst da, wo es keine gibt, tut das irgendjemandem weh, und je enger sie beieinander sind, desto mehr Zwist tragen sie zwischen sich her. Die Auseinandersetzung zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern und mit denen, die allein stehen, sind ganz unverhofft zu einem alles bestimmenden Thema geworden. Es treibt sie an. Alle. Es ist wichtig bei jeder Entscheidung, die sie treffen.

4. Tod / Verlust
Das ist Teil des Lebens. Ich wollte nie ausblenden, was so klar dazugehört. Menschen sterben nun einmal, langwierig, schmerzerfüllt, plötzlich, leise, schreiend, blutig. Sie lassen immer jemanden oder etwas zurück. Und sei es nur das dumpfe ungute Gefühl, wenn man die Figur kaum kannte. Unser Leben ist eben kurz, mit den fiktiven Figuren ist es nicht anders. Sie verlassen uns und ihre Lieben – für einige hört dann die Welt auf, sich zu drehen.

5. Versuchung
Am ehesten schreibe ich noch über die Versuchung, den einfachen Weg zu gehen. Oder einfach abzuhauen. Und darüber, wie man genau das nicht tut, sich rechtzeitig umentscheidet oder sogar umdreht. Wie man den Kopf wieder aus dem Sand zieht, obwohl die Ohren schon vollständig taub sind und sofort bunte Sterne vor den Augen tanzen, sobald sogar ein grauer Himmel grell erscheint, weil es so lange dunkel war. Für Noraii ist das in Grenzen äußerst wichtig. Das Aufgeben, das Weitermachen, das Weggehen, die Rückkehr und was der Unterschied zwischen Versuchung und Vorwärts ist. Ob es da einen gibt.

6. Mut & Angst
Mutig kann nur sein, wer auch Angst hat. Die mutigste Figur, die ich bislang geschrieben habe, ist definitiv Noraii. Sie geht immer wieder nach vorn, nicht blind, nicht immer unbedacht, aber immer gegen ganz viel Sorge, ganz viel Angst und einfacheren Möglichkeiten entgegen. Selbst, wenn sie einen einfachen Weg geht, muss sie sich dafür gegen etwas anderes entscheiden, das sie liebt oder gar gegen das Ende von allem.
Deswegen steh ich so auf sie. Sie macht weiter – mit Pausen. Immer weiter. Mit all der Angst und dem Schmerz in sich drin.

7. Eigenes Thema
Wie wollen wir zusammen leben?
Das zieht sich durch alles, was ich schreibe, vollkommen egal, ob es Mehrteiler oder Kurzgeschichten sind. Es schimmert sogar in den verdammten Gedichten durch. Und daran ist nicht mal die Politik schuld. Das ist sie einfach, oder? Die große Frage. Die, die vielleicht den ganzen Sinn ausmacht. Wenn wir alles andere nicht wissen, nicht wissen können oder nicht wissen wollen, das Hier und Jetzt wirft genug Fragen auf. Wie gestalten wir es also, wie bauen wir eine Welt wieder auf, wie retten wir eine, wie gehen wir miteinander um, ohne selbst unterzugehen?

Achtzehn Semester.

Nun gut, nicht ganz. Ich kann drei Jahre abziehen. Die Jahre im Rathaus, die mit dem festen Job und die mit kleinem Kind. Da war ich die längste Zeit nicht einmal eingeschrieben.
Bleiben immer noch zwölf Semester. Zwölf Semester an vier Universitäten. Zwei in Greifswald, vier in Marburg, zwei in Frankfurt, vier in Hagen.

Ich habe Germanistik studiert und Philosophie. Und wie man das am Anfang so macht, sogar ziemlich intensiv, wenn auch nicht lange. Es war ein Anfang. Ein Schnuppern. Kaum mehr. Vor allem war es eine Ecke weg von Zuhause. Das war irgendwie auch wichtig, damals.

Dann Europäische Literatur. Dieses abgefahren unorganisierte Fach, das es gar nicht so oft gibt. Das ich geliebt habe. Und ein bisschen gehasst. Aber nie genug gehasst. Wenn ich an etwas wehmütig zurückdenke, das mit meine Studium zu tun hat, dann daran. Nicht an die Studentenbude, nicht einmal unbedingt an die Stadt. Es waren die Uni und die Leute da. An die Zeit in Marburg habe ich die meisten, die besten und die intensivsten Erinnerungen. Nicht zuletzt liegt das an den Herzmädchen, die ich da gefunden – und behalten habe. <3

In Frankfurt haben die Germanisten mich nicht haben wollen. Selbst nach zwei Universitäten griff der Numerus Clausus noch. Also fing ich Empirische Sprachwissenschaften an, Geschichte und Religionswissenschaft. Und packte nicht einmal ein volles Semester, bevor mein erstes Kind auf die Welt kam und ich eine lange Pause einlegte.

Erst nach dem Rathaus und mit der Krankheit verschlug es mich nach Hagen. Ich mag das Konzept immer noch. Eine Fernuniversität. Ich konnte im Dorf wohnen, ohne lange Anfahrtszeiten. Und das interdisziplinäre daran. Kulturwissenschaft mit verschiedenen Schwerpunkten. Kiloweise Materialien lagern hier, die meisten habe ich sogar gelesen. Eigentlich war es perfekt. Aber es funktionierte nur eine Weile lang, als es mir trotz Krankheit gut ging, der Alltag fest war Doch auch da entschied ich mich im Zweifel gegen das Lernen und für das Schreiben. Statt Geschichte zu pauken noch tausend Wörter mehr. In meinem ersten Hagener Semester schrieb ich zwei Bücher und sagte die Klausur spontan ab.

Eine Weile habe ich das gemacht, mir die Unterlagen angesehen, aber keine Prüfungen abgelegt. _Studentin_ im eigentlich Sinne bin ich schon lange nicht mehr. Meistens lese ich etwas anderes und schreibe meine eigenen Dinge.
Dabei vermisse ich die Uni. Mir fehlt die Marburger Fakultät, das Windpfeifen, der Automatenkaffee und die Busfahrten. Die Freundinnen und stundenlanges Lernen in der Mensa. Mir fehlt das Nachtpauken vor der Klausur, das Verstehen, das man nur hat, wenn es intensiv ist, viel und lang und ganz.
Weder die Dachgeschosswohnungen, noch der Campus in Frankfurt fehlt mir. Das Kopieren kann mir gestohlen bleiben, anmaßende Hiwis und genervte Lehrende. Die guten vermisse ich. Den einen Dozenten, der für seine Vorlesung Stehende Ovationen bekam.

Aber das Studium als solches? Ich wusste einfach nie, wohin damit. Als ich mein Abitur gemacht habe – gerade so, aber mit vollem Einsatz, zumindest in den letzten paar Tagen – da war das für die Uni. Nicht fürs Leben, nicht für mich selbst. Ich wollte studieren, unbedingt. Und dann studierte ich – um zu studieren. Ich liebte es und liebe es noch. Doch es brachte mich nicht an den Punkt, zu dem ich möchte. Ganz besonders: Nicht so schnell. In dreieinhalb Jahren Rathaus habe ich mehr gelernt als in Schule und Studium zusammengenommen. Es ist toll, das akademische Leben, keine Frage, aber ich wollte es nicht nebenbei führen, nur aus Jux. Dafür war es zu anstrengend und brauchte zu viel Zeit. Vielleicht hatte ich genug.

Um meinen Bachelor abzuschließen, bräuchte ich vermutlich immer noch fünfeinhalb Jahre. Teilzeit halt. Die meisten Kurse wurden nicht anerkannt. Doch ich mag nicht mehr. Ich mag nicht mal mehr auf dem Papier Studentin sein.

Eine Ära geht zu Ende. Denke ich. Zumindest habe ich mich mal wieder exmatrikuliert. Zum vierten Mal. Kurz vor der Geburt meines zweiten Kindes. Und mit ein paar anderen Ideen, was ich in meinem Leben noch so anstellen möchte.