11. Juli 2018

Das Bier mitnehmen, sich an die Bettkante setzen und das raushauen, was gerade im Kopf ist. Angst und Alter machen das schwieriger, aber nicht unmöglich. Es darf einfach niemals unmöglich werden. Wahrscheinlich gehört beides auch zusammen. Die beiden großen As. Wenn man vergisst, gegenzusteuern, kommt das eben mit der Zeit, der Schiss um alles. Verdrängt das Leichtsein, das Egalsein, das Ruhig- und voller Lieber bleiben, egal, was ist. Und nur kontrolliert zu schreien, wenn es denn unbedingt sein muss. Mit Worten, die zumindest das Potenzial haben, verstanden zu werden. Nicht wild und unleserlich, das geht allein. Nein, wenn wir nicht allein sind, reißen wir uns auch mal am Riemen und überlegen uns genau, was wir brüllen. Mit welchen Worten wir dem Zustand zwischen die Beine treten. Doch vorher sitzen wir mit Bier am Bett und haben Schiss, dass wir vor lauter Schiss diese Worte nicht finden. Bis sie da sind. Einfach so.

10. Juli 2018

Die Freiheit nichts zu tun zu haben, ist nur da trügerisch, wo nichts zu tun zu haben eine Charakterschwäche ist. Dabei kann doch Nützlichkeit nicht ernsthaft ein menschlicher Wert sein. Das wurde uns nur lange genug eingeredet, um jetzt ein verdammt großes Problem zu haben. Ein großes Problem auf einer kleinen Seite Papier. Mir fällt einfach nichts besseres ein, als jeden Tag dreißig Mal tief durchzuatmen und dann das zu tun, was schön ist. Was mich glücklich macht, für den Moment. Mich und die, die ich liebe. Das, was richtig ist, vielleicht. Für mehr als mich, und die, die ich liebe. Einfach ist nichts davon.

9. Juli 2018

Da ist dieses kleine Mädchen, das längst seine eigene Geschichte hat und die Geschichte findet einfach kein Ende. Wir sitzen gemeinsam verzweifelt davor, fragen und kaum mehr, was wir noch tun können. Es liegt längst nicht mehr in unserer Hand. Wir haben getan, was ging. Jetzt warten wir, bereiten uns auf das Schlimmste vor, um danach festzustellen, dass wir auch das wohl überleben werden. Vermutlich. Wir können das nicht beschwören, schließlich ist die Geschichte noch nicht in Worte gefasst, nur in Gedanken. Da sind Worte, selbstverständlich, ziemlich viele sogar, sie stehen nur noch nicht in der richtigen Reihenfolge hintereinander.

8. Juli 2018

Morgensonne ist das hellste. Morgenhell, Morgenwach, als die Worte für das Bedürfnis noch einmal reinzugehen, um sich eine Sonnenbrille zu holen, obwohl alle anderen anscheinend sehr gut ohne zurechtkommen. Ob man vorher nun zu viel getrunken hat oder die Nacht zu kurz war oder nichts davon. Es muss nicht mal Morgen sein, muss nicht einmal hell sein. Genauso gut kann es das Beißen in den Augen am Lagerfeuer sein, das nicht auszuhalten ist, wo doch alle anderen entspannt darum herum sitzen, der Gitarre lauschen und Stockbrot machen. Man setzt sich um, aber der Rauch folgt immer. Der Güllegeruch ist für die einen viel stärker als für die anderen. Immer endet das Ganze in Flucht, manchmal nur kurz, um die Sonnenbrille zu holen. Wir verstecken uns ein Stück.

7. Juli 2018

Das Datum sagt mir irgendetwas. Erinnert mich an früher, ans Jungsein, Pausenhof, Partys und Cliquen. Daran, dass ich zwar immer irgendwo war, immer mit irgendwem, den ich mochte, ständig im Fluss, im Reden, im Leben, aber nie lange wirklich Teil. Manchmal Mittelpunkt, aber das geht eben nur, wenn du rausfällst, anders bist und dich doch wieder allein fühlst, unter all den Leuten. Ehrlichkeit hat geholfen, zugegeben. Aber damals, Merlin, ist das lange her, war ich nicht oft genug klar, um klar formulieren zu können. Und die Fragen waren irgendwie anders. Viel enger. Viel mehr Ich in der Welt. Heute ist dieses Datum, es war wohl ein Geburtstag in der Clique, und ich habe keine Ahnung, was die Person heute so denkt.

6. Juli 2018

Noch im Schreibrausch ohne überhaupt groß geschrieben zu haben. Doch nicht groß ist nicht nicht. Schreiben ist Schreibn und ans Schreiben denken, übers Schreiben reden ist fast Schreiben selbst. Manchmal ist es sogar genau das. Es gehört fraglos dazu, ist nowendig, nur eben nicht hinreichend. Ich komme damit zurecht, dass es lange dauert, _ewig_ dauert, solange ich nur irgendwie das Gefühl habe, ich komme weiter. Und sei es eben _nur_ in Gedanken. Immerhin kann man auch vom Nichtschreiben, vom Fastschreiben, vom Schreibdenken einen Schreibkater kriegen. Womöglich spekuliere ich auch darauf, endlich nicht mehr anders zu können als mich plattzuschreiben, wenn ich nur noch ein paar Mal mehr dieses Wort in irgendeinem abstrusen Zusammenhang zu Papier bringe.

5. Juli 2018

Was haben wir zu sagen? Oder muss unsere bloße Existenz ausreichen? Können wir allein mit unserem Sen etwas verändern? Anstöße geben? Im Ähneln und Anderssein uns selbst besser kennenlernen, verstehen, warum wir sind, wie wir sind, und das auf mehr, auf die Welt übertragen? Oder ist das falsch, das Schließen von uns auf andere? Nur im Detail oder ganz, und wie sehen wir, was nur unwichtige Details sind? Manchmal habe ich so viele Fragen in meinem Kopf, dass er wehtut, doch ausschalten, abschalten funktioniert nicht. Sie betreffen alles, die Fragen, und die fehlenden Antworten. Sie stellen in Frage, was ist, was sein könnte und was ich will. So verrückt, wie sie mich machen, komm ich noch viel weniger in die Nähe einer Lösung. Eigentlich gehe ich sogar davon aus, dass es gar keine Lösung gibt. Und vermutlich werden Dinge wie Antworten und Lösungen ohnehin überschätzt.

4. Juli 2018

Übers Schreiben schreiben ist öffentlich schwierig. Ich mag doch nichts verraten, nicht – oder noch nicht – preisgeben, was ich sonst noch alles weiß. Wie es sich entwickelt, was jetzt kommt. Es sind mittlerweile so viele Bücher, die mich auffressen, dass ich auch nur über ihre Masse und über ihr Ganzes schreiben könnte, erzählen könnte, was das Schreiben selbst mit mir macht – und das tue ich ja auch oft genug. Doch jetzt ist da dieser Junge, über den ich schon eine Weile schreibe, weil er für das Mädchen, über das ich schon viel länger schreibe, so wichtig ist. Weil er für die Geschichte wichtig ist. Und abends, im roten Flugzeugdunst, zwischen Grillen und Vögeln und den Nachbarn, die am Auto schrauben, dampfend, fällt es mir ein. Es geht um seine Geschichte. Er braucht einfach seine eigene Geschichte, dann kann ich weitermachen und die erzählen, die eigentlich mal Thema war.

3. Juli 2018

Später schreiben ist nur dann kein Schummeln, wenn man es dann doppelt macht. Also doch besser sofort. Ich tue in der Morgensonne gar nicht erst so, als wäre es noch letzte Nacht. Tue gar nicht so, als wäre ich nicht eingeschlafen, ohne das Notizbuch auch nur anzusehen, auch nur einen Gedanken daran zu verwenden. Nutze die Zeit, die da ist. Mal eben, zwischendurch. So ist das momentan, in diesem Leben, und so muss ich es annehmen, wenn ich von der wenigen eigenen Zeit überhaupt noch etwas haben will. Zwischen all dem anderen. Auch wenn in diesem Buch, im Schreiben, es gar nichts _anderes_ geben kann. Kein Schluss, kein Wechsel. Alles gehört immer dazu. Ohne Reue und ohne Zwang. Alles fließt immer auch, auf die ein oder andere Weise, in Text.

2. Juli 2018

Bruchstücke der Zeit sind mir einfach zu wenig. Es kann doch nicht zu viel verlangt sein, mehr von meiner Zeit zu haben. Meine eigene Lebenszeit. Weniger Zeit damit zu verbringen, Kram zu machen, den kein Mensch interessiert. Am allerwenigsten mich selbst. Ich will mehr Zeit, Kraftzeit. Aber nicht mal Weltwut hilft. Bei all den Privilegien, die ich habe, ist es wohl vor allem an mir selbst, das hinzukriegen. Mich nicht vereinnahmen zu lassen von dem Kram, der mich nicht juckt. In erster Linie also etwas ganz einfaches. Manche Dinge einfach lassen und andere Dinge einfach tun. Was soll schon passieren? Die Welt – auch meine kleine Welt – wird nicht untergehen. Wahrscheinlich wird sie nur schöner. Und wahrscheinlich habe ich dann mehr Zeit sie zu genießen.